Die Funktion von mantras im karmischen Prozess

von Swami Veda Bharati

Unsere Persönlichkeit setzt sich aus der Summe sämtlicher Gedanken zusammen, die wir jemals gedacht haben. Persönlichkeit meint hier den gesamten Inhalt des Geistes, denn es ist dieser geistige Inhalt, der sich in Körperhaltung, Gestik und Einstellung widerspiegelt. Alle Entscheidungen und Neigungen eines Menschen sind das Erzeugnis dieser Gesamtheit aller Gedanken. Es ist nicht ein einzelner momentaner Gedanke, der sich in einer Bewegung der Augenbraue ausdrückt. Hinter dieser Gestik steht die Summe der Gedanken aus vielen Lebensspannen.

Jede Handlung, die man ausführt, jedes Wort, das man spricht, jedes kleine Flackern von Licht oder Farbe, das wir unbewusst aus dem Augenwinkel wahrnehmen, sowie jeder Gedanke, der jemals in Form eines rationalen Arguments, eines Gefühls oder einer Emotion, einer Erinnerung, Halluzination, Fantasie oder eines Traums entstanden ist - sie alle sind im Erinnerungsspeicher des Geistes eingelagert - in einem Winkel dessen, was die Yogis als citta bezeichnen.

Die Yogis sind überzeugt, dass jede Person fähig ist, mittels bewusster Absicht und Entscheidung den eigenen Persönlichkeitstypus zu bestimmen und zu kultivieren. Nicht nur einen erwünschten Charakterzug, sondern, beruhend auf einer soliden Philosophie, dass die gesamte Lebensweise und alles in einem menschlichen Wesen durch diese Kraft des freien Willens gelenkt werden sollte und nicht durch Gewohnheiten, Abhängigkeiten oder unfreiwillige Antriebe aus dem Unterbewusstsein.

Die Lektüre dieses Buches ist kein dem Leser aufgezwungener Akt, es geschieht aus eigener Entscheidung. Tausende von Lebensspannen (oder, wenn man von Reinkarnation nicht überzeugt ist, millionenfach ungezählte Erfahrungsmomente) haben letztlich diesen Impuls erzeugt, der einen dazu bewegt, diese Passagen durchzulesen. Liest man sie aus freien Stücken und mit vollständig bewusster Achtsamkeit, führt es zu Freiheit.

Indem man diese Passagen liest, kultiviert man zugleich bestimmte Eigenschaften in seiner geistigen Persönlichkeit, da der Eindruck dieser Gedanken auf sich selbst bestehen bleibt. Selbst wenn dieser Eindruck (samaskara) verglichen mit all den anderen, früher angesammelten samskaras, recht gering ist, wird seine positive Kraft zwangsläufig zu irgendeinem Ergebnis führen. Falls nicht als eigenständiger Gedankenprozess oder willentliche Ausrichtung, so doch durch seinen Einfluss auf die Gesamtchemie des Geistes.

Darüber hinaus wird alles, das wiederholt in den Geist eingebracht wird, zu einer Gewohnheit. Ein bestimmter Gedanke taucht auf; er löst angenehme Erinnerungen aus, und so verfolgt man ihn weiter. Dadurch wird seine Kraft verstärkt und er wird eingeladen, zu einem anderen günstigen Zeitpunkt wieder im Geist aufzutauchen.

(...)

In dieser Weise wiederholt gibt man bestimmten Arten von Gedanken mehr Kraft, mehr Energie, bis der Gedanke, oft genug wiederholt, zu einem Wunsch wird. Ein einfacher Wunsch wird zu einem starken Verlangen; unerfülltes Verlangen führt zu Frustration; Verlangen und Frustration zusammen führen, wie die Bhagavad-gita sagt (II.62-64), zur Verwirrung des Geistes. Diese Verwirrung führt zu einem Mangel an Selbstbewusstheit, zum Verlust der Entscheidungsfreiheit, und es entsteht eine unfreiwillige Gewohnheit. Derselbe Gedanke, derselbe Wunsch, dasselbe Verlangen, dieselbe Frustration, dieselbe Verwirrung wiederholt sich immer wieder und wird zu einer Fixierung, einem Drang, einer unbewussten Tendenz unserer Persönlichkeit.

Auf diese Weise erzeugt unser karma, die angesammelte Reihe dieser Art von geistigen Handlungen, in unserer Persönlichkeit eine Affinität für bestimmte Objekte und Situationen. Jedes Objekt, jede Situation bringt jedoch ihnen eigene unangenehme Nebenwirkungen mit sich. Denn selbst mit einer angenehmen Situation ist immer eine Art Schmerz verbunden, entweder in seiner Ursache oder seinem Bestehen oder in seiner Auswirkung.

Dann beginnen wir, unsere Situation zu verdammen, da wir glauben, dass wir zu Unrecht in sie gezogen wurden, ohne zu verstehen, dass es allein unsere unbewussten Persönlichkeitstendenzen sind, die über einen gewissen Zeitraum durch unsere eigene Entscheidung für wiederholte Gedankenabläufe kultiviert wurden, und die uns zu einer Art Magnet gemacht haben, der eine bestimmte Art von Situation, Umgebung, Gesellschaft und Gefolge anzieht.

Meditierende erkennen die Macht, die sie über die Entwicklung ihrer eigenen Persönlichkeit haben. Sie erzeugen eine veränderte Wirklichkeit, indem sie einfach ihren entschlossenen Willen anwenden, der mächtiger ist als alle vorhergehenden geistigen Gewohnheiten, Begierden, Frustrationen, Verwirrungen, Fixierungen, Zwänge, Persönlichkeitstendenzen und daraus resultierenden Situationen.

Sie wissen, dass die Reflektion von purusha, dem universellen Bewusstseinsprinzip, die in den Spiegel des nach innen ausgerichteten buddhi fällt, der wahre Handelnde ist - die Fähigkeit intuitiver Unterscheidung, die feinste Fähigkeit des Geistes; sie stellt die Quintessenz der gesamten Essenz der Natur dar.

Geist ist die Quintessenz aller Essenzen der Natur, doch das Bewusstseins-Prinzip besitzt die Kontrolle darüber. Seine kontrollierende Macht erstreckt sich durch diese Quintessenz über alle Substanzen der Natur. Wie können wir - ausgestattet mit dieser kontrollierenden Macht unseres bewussten Willens - jemals in irgendwelche unerwünschte Situationen geraten?

Jene, die Umstände oder ihr Umfeld für ihr Unglück verantwortlich machen, sei es in der Vergangenheit oder in der Gegenwart, sei es in persönlichen oder geschäftlichen Beziehungen, begreifen einfach nicht, dass die Ursache für ihre Schwierigkeiten darin liegt, dass ihr Geist verworren und desorganisiert ist.

Meditation ist der Prozess, den Geist zu klären und neu zu organisieren. Es bedeutet, das Haus seiner eigenen Persönlichkeit in Ordnung zu bringen. Diese Neuordnung der Persönlichkeit beginnt mit der Praxis eines einzelnen Gedankens, des mantras. Es wirkt wie ein 'Tropfen der goldenen Sonne' in der zuvor herrschenden Dunkelheit. Es ist wie eine Kultur, mit der man Milch in Joghurt verwandelt - eine winzige Menge genügt, sie wird bald den gesamten Inhalt des Gefäßes erfassen.

Es sollte nun klar sein, dass ein Gedanke, genügend oft wiederholt, zu einer Gewohnheit wird.

(...)

Was wir hier beschrieben haben, ist der karma-Prozess - das Zusammenspiel von geistigen, verbalen und körperlichen Handlungen, ihren Ergebnissen - und durch das erneute Einverleiben dieser Ergebnisse eine Reaktion, eine erneute Aktion durch Geist, Sprache und Körper. Dieser Teufelskreis setzt sich so lange fort, bis ein neuer Faktor zur Veränderung dieses Musters eingeführt wird.

Das mantra ist ein Gedanke, der weder aus dieser Art von unfreiwilligen Mustern hervorgeht und auch nicht Ursprung dieser Muster ist. Es ist vielmehr dieser zusätzliche Faktor, der jene Energie an sich zieht, die normalerweise in diese unfreiwilligen, ungeregelten Persönlichkeitsmuster fließt. Das mantra gestaltet diese Energie um, es bringt sie in eine neue Form, die das vorherrschende geistige Chaos ersetzt.

(...)

Sie (die alten Meister) ... testeten all die Silben, ihre vielen möglichen Kombinationen und Ausformungen,  auf die positivsten und wünschenswertesten Wirkungen, die sie auf den Geist ausüben können. Diese Wirkungen sind zweifach:

  1.  die Klärung der unerwünschten Tendenzen des Geistes - und
  2.  das Kultivieren der erwünschten Tendenzen des Geistes.

Mit anderen Worten bedeutet dies:

  1.  die Heilung der geistigen Störungen und das Auffüllen der Schwachstellen - und
  2.  die Stärkung der positivsten Kräfte des Geistes.
(übersetzt aus Swami Vedas Buch 'Mantra and Meditation')

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