Reinigung des Geistes

citta-shuddhi -
Hindernisse auf dem Weg der Yoga-Meditation klären

Wenn man entspannt und beginnt, den Geist in der Meditation zu sammeln, reduziert sich die Aufnahme äußerer Reize: manas, der oberflächliche Geist (das Wachbewusstsein), wird ruhiger.

Doch dann beginnen aus dem Bereich der latenten inneren Tendenzen (samskaras und vasanas) viele sonst im unbewussten Geist verborgenen Inhalte an die Oberfläche aufzusteigen. Diese Gedanken, Erinnerungen, Ideen, Wünsche und andere Emotionen erzeugen erneut Unruhe im oberflächlichen Geist, lenken die Aufmerksamkeit ab und werden als 'Störungen' im Üben erlebt. Ursache dieser Ablenkungen sind ungelöste emotionale Themen, die als Spannungsmuster im unbewussten Geist eingelagert sind.

Im ersten Abschnitt des Übungsweges übt man sich darin, diese geistigen Ablenkungen loszulassen. Zugleich arbeitet man an der Bereinigung der Ursachen dieser auftauchenden Störungen.

Emotionale Spannungen

In allen aus dem Unbewussten unwillkürlich aufsteigenden Inhalten findet immer eine unerkannte und ungelöste emotionale Spannung ihren Ausdruck. Dieser emotionale Gehalt bildet die eigentlich treibende Kraft all dieser 'Störungen'. Es geht daher in der Meditation nicht darum, diese ablenkenden Gedanken loszuwerden. Es geht vielmehr um Klärung und Lösung der ihnen zugrundeliegenden emotionalen Spannungen.

'Reinigung des Geistes' ist daher in erster Linie ein innerer Heilungsprozess: das Heilen seelischer Verletzungen, die Klärung belastender bzw. destruktiver Tendenzen des Geistes, seiner ungelösten emotionalen Spannungen und Bedürfnisspannungen.

Methoden der Yogis

Aus den Erkenntnissen der Yogis und Yoginis, gewonnen in intensiver innerer Forschungsarbeit, entwickelten sie vielfältige praktische Ansätze, den Geist von diesen Tendenzen zu reinigen.

Drei Methoden stehen im Mittelpunkt:
  • das geduldig wiederholte Loslassen auftauchender Störungen (Ablenkungen in der Meditationspraxis) - durch die Praxis der Entspannung (shaithilya), achtsamer Wahrnehmung (smriti-upasthana) und Loslösung (sakshi-bhavana) sowie des inneren Forschens (atma-vicara)
  • das gezielte Aufbauen heilsamer, förderlicher Tendenzen (Strukturen) des Geistes - als Gegenströmung zu den Ursachen der Störungen; man kultiviert die individuell geeigneten 'Gegenmittel' (pratipaksha-bhavana) wie freundliche Zuwendung, Akzeptanz, Gelassenheit u.a.
  • durch achtsames Kultivieren der ethischen Verhaltensrichtlinien des Yoga (yamas, niyamas) im täglichen Leben.

Resultate

Durch innere Achtsamkeit, durch Beobachten und Erforschen seiner inneren Zustände werden die handlungsmotivierenden emotionalen Antriebskräfte und Tendenzen bewusster erfahrbar. Die Wahrnehmung dringt in immer tiefere Bereiche des unbewussten Geistes vor und man gewinnt allmählich ein immer tieferes Verständnis über sich selbst, seine persönlichen Tendenzen und Prägungen. Das Kultivieren der geeigneten 'Gegenmittel' ermöglicht dann, im Lauf der Zeit belastende, hinderliche oder destruktive Gewohnheiten gezielt zu verändern.

Das konsequente Anwenden dieser Methoden 'über lange Zeit' (siehe Patanjali, Yoga-sutras) vermindert zunehmend die Wirksamkeit der sonst unbewussten hinderlichen Tendenzen (samskaras, vasanas) sowie ihrer Wurzeln (kleshas) und schließlich können sie ganz aufgegeben werden. Gleichzeitig können mit zunehmender Schwächung der hinderlichen Tendenzen im immer ruhigeren und ausgeweiteten Wachbewusstsein Eindrücke aus den höherschwingenden, klaren und inspirierenden Bereichen des Geistes (buddhi) bewusst wahrgenommen und als Orientierung auf dem eigenen Übungsweg genutzt werden.

Ein weiteres Resultat der Reinigung des Geistes von einschränkenden Faktoren ist die zunehmende Fähigkeit zu geistiger Sammlung (dharana) - die schließlich bis hin zur Einpunktigkeit reicht (ekagrata, unabgelenkte Ausrichtung des Geistes). Durch diese vertieften Stufen der Konzentration und Meditation lassen sich die weiterführenden Aspekte des Weges und vor allem auch die sonst latenten kreativen Kräfte des Geistes erschließen.

Die Grundlage des Weges

Dieser Prozess der Reinigung des Geistes von belastenden und einschränkenden Faktoren bildet eine zentrale Voraussetzung für weitere Schritte auf dem Yoga-Übungsweg. Sich selbst besser verstehen lernen, die Ansätze der Heilung belastender Emotionen sowie die praktische Umsetzung im Alltagsleben bilden die ersten großen Bereiche der inneren Auseinandersetzung auf dem Weg der Yoga-Meditation. Erst mit Entwicklung dieser Grundlagen der Meditation erwirbt man die Qualifikation für die weiterführende Praxis.

Autor:
Michael Kissener

Yoga-Zentrum Innsbruck

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